Das Konzert

Sigrid

Die Mozart-Messe sollte vor dem Konzert heute noch einmal geprobt werden. Sigrid, Sopranistin und für diese Messe als Solistin engagiert, machte sich an diesem Sonntag deshalb schon früh auf den Weg in das Dorf der ländlichen Umgebung ihrer Heimatstadt, wo das Konzert in der Dorfkirche stattfinden sollte. Sie freute sich immer sehr auf ihre Konzerte, war aber auch jedes Mal mehr oder weniger nervös. Es ist immer eine ganz besondere Sache, vor einem Publikum zu stehen und schwierige Arien zu singen. Sigrid hat dies schon viele Male gemacht, sie gilt als eine souveräne und gefragte Konzertsopranistin. Dennoch, das Lampenfieber machte ihr immer wieder zu schaffen.

Heute kam noch hinzu, dass sie sich erschöpft fühlte von einem anstrengenden Seminar, das sie an den beiden Tagen zuvor absolviert hatte. Spät nach Hause gekommen, fand sie nicht sofort ins Bett, sondern suchte noch bis weit nach Mitternacht Entspannund bei einem Fernsehkrimi und leider nicht nur einem Glas Rotwein. Dabei wusste sie ganz genau, dass Alkohol vor einem Konzert kontraproduktiv ist, da er die Schleimhäute austrocknet. Tee wäre besser gewesen, reichte ihr aber an dem Abend nicht, um herunter zu kommen.

So kam sie heute also mit ziemlich gemischten Gefühlen am frühen Nachmittag in der Kirche an. Nicht nur, dass ihr die letzte Arie in der Mozart-Messe bevorstand, denn die war ganz besonders schwierig zu singen und ging zweimal bis zum hohen C, sie fühlte sich überdies übernächtigt und kraftlos. In diesem Zustand konnte sie nicht mehr dafür garantieren, dass ihr Gesang ganz ohne Abstriche sein würde, und das machte sie noch nervöser als sonst.

Die Kirchentür stand offen, der Konzertleiter und einige Orchestermusiker waren schon anwesend. Bepackt mit ihrer Tasche, die die üblichen Utensilien wie Thermoskanne mit Kräutertee, Schminktäschchen, Halsbonbons und Haarspray enthielt, in der anderen Hand die Tüte mit den Auftrittsklamotten und Pumps, platzierte sie sich in die vorderste Reihe. Kalt hier. Den Mantel behielt sie erst einmal an. Kälte und Müdigkeit, prima Voraussetzungen für sängerische Höchstleistungen!

Dem Dirigenten sagte sie, dass sie ihre Arie jetzt in der Probe nur andeuten und das c“‘ für das Konzert aufsparen würde. „Jajaja, völlig klar!“ entgegnete er hektisch. Die anderen Solisten waren inzwischen auch eingetroffen, gegenseitiges fröhliches Begrüßen. Das Orchester war bereits am stimmen, der Chor trudelte ein und nahm auf den Stühlen platz. Gleich im ersten Satz, Kyrie, hatte Sigrid schon Solostellen zu singen, die wunderbar zum Einsingen geeignet waren, denn dieses hatte sie sich heute erspart, um ihre Kräfte zu schonen. Sie wusste, dass das ein Risiko darstellte, denn mangelndes Einsingen konnte dazu führen, sich später fest zu singen. Das würde heute nicht passieren, redete sie sich ein.

Dagmar

Heute war Sonntag, und Dagmar hatte vor, sich etwas Kultur anzutun. In der Lutherkirche im Dorf sollte Mozarts Messe in c-Moll aufgeführt werden. Darauf freute sie sich ganz besonders, denn sie liebte die letzte Sopranarie „Et incarnatus est“, weil sie so schön getragen im langsamen Tempo daherkam, aber nicht ohne schwierige Koloraturen für die Sängerin und dem hohen C. Die Sopranistin, die diese Arie singen würde, kannte sie schon von früheren Konzerten und war ihr durch den stimmschönen Gesang und Souveränität bestens vertraut. Mit Sicherheit würde es auch heute wieder ein musikalischer Hochgenuss werden.

Voller Vorfreude machte sie sich auf einen schönen Spaziergang durch das spätherbstliche Dorf zur Kirche. Überhaupt waren bei diesem Konzert hochrangige Solisten dabei, geleitet wurde es vom im Umkreis sehr bekannten und beliebten Kantor Alf Gerschnitt. Seine Kantorei stand für immer wieder beeindruckenden Chorklang, begleitet von Orchestermitgliedern der Symphoniker und Philharmonie der nahegelegenen Großstadt. Sie hatte sich schon früh um eine Karte gekümmert, denn seine Konzerte waren fast immer ausverkauft.

Sigrid

Die Probe verlief problemlos. Ihre große Arie am Ende der Messe wurde nur kurz angestimmt, dann begaben sich alle Beteiligten in den Gemeindesaal des neben der Kirche liegenden Gemeindehauses. Hier war wenigstens gut geheizt, und Sigrid setzte sich fröstelnd an eine Heizung, um sich aufzuwärmen. Sie nippte an ihrem Kräutertee und verspürte auf einmal großen Hunger. Hatten die Chorleute nicht Kuchen mitgebracht? Nein, anscheinend war dies bei diesem Chor keine Tradition. Die Chorleute saßen nur an den Tischen und tranken mitgebrachten Tee oder Kaffee wie sie selbst.

Die anderen Solisten hatten sich zerstreut. Nur der Tenor saß in ihrer Nähe und kämpfte mit seinem Schnupfen, der ihn über Nacht angeflogen hatte. Das Sängerleben zu dieser kalten Jahreszeit war hart. Vor der Tür sah sie die Mezzosopranistin eine Zigarette rauchen, und der Bass wanderte auf dem Parkplatz mit dem Handy am Ohr auf und ab.

Dagmar

Dagmar kam etwas zu früh bei der Kirche an, so spazierte sie noch ein bisschen um die Kirche herum, auch wenn es ungemütlich und kalt war. Es war noch kein Einlass. Sie sah zum nahegelegenen Gemeindehaus hinüber, man konnte durch die verglasten Türen ins Innere sehen. Die Sopranistin, die sie so sehr schätzte, saß dicht gedrängt an einer Heizung und trank etwas aus einer Thermoskanne. Oh je, sie wird sich doch hoffentlich nicht erkältet haben? Dagmar konnte sich vorstellen, dass es manchmal ganz schön hart sein musste, Sängerin zu sein, besonders in dieser Jahreszeit, wo die Erkältungskrankheiten die Runde machten. Doch Sigrid Greve wäre bestimmt nicht hier, wenn es ihr schlecht gehen würde, sagte sich Dagmar. Dann ging sie zuversichtlich zur Kirche hinüber, wo jetzt die Konzertbesucher durch die offene Kirchentür hineinströmten.

Die Karten waren numeriert, und sie hatte sich einen Platz direkt hinter der Brüstung auf der Empore gesichert, wo es den besten Überblick und auch das beste Klangerlebnis geben würde, das wusste sie. Es war nicht sonderlich warm in der Kirche, denn diese war ziemlich groß und entsprechend hoch die Heizkosten. Alle Gemeinden mussten sparen. Sie zog ein Sitzkissen aus ihrer Tüte hervor, legte es auf den unbequemen Kirchenstuhl und mummelte sich in froher Erwartung auf ihrem Platz ein. Das Konzert würde in etwa zwanzig Minuten beginnen, so las sie noch ein wenig im Programm, betrachtete eingehend den Altar mit den Podesten, wo die Sitzgelegenheiten und Notenständer für den Chor und das Orchester aufgebaut waren. In der Mitte vor dem Podest stand ein ganzes Equipment an Mikrofonen. Es würde also auch wieder eine Aufnahme gegen, wie schön! Eine Freundin von ihr, die im Chor mitsang, würde ihr sicher eine besorgen können.

Sigrid

Kurz vor Beginn des Konzertes versammelten sich die Solisten und der Konzertleiter in der Sakristei der Kirche, um von dort aus den Kirchenraum zu betreten. Sigrid hatte sich noch im Gemeindehaus umgezogen, um danach, in Abendkleid und Pumps, über das rauhreifbedeckte rutschige Kopfsteinpflaster zu stöckeln. Bei Minus drei Grad war das kein Vergnügen, und warm war ihr immer noch nicht. Deshalb presste sie jetzt gerade fest ihre Stola um ihre Brust. Sie stand vor der Sakristeitür, durch die sie gleich als erste gehen würde, gefolgt von Mezzosopran, Tenor, Bass und Dirigent. Ein tiefes Einatmen, warten auf das Ersterben der Kirchenglocken. Alf nickte kurz, dann öffnete sie die Tür, und die Solisten betraten den hell erleuchteten und feierlichen Altarraum der Lutherkirche unter dem freudigen Beifall des Publikums.

Dagmar

Die Kirchenglocken verstummten, eine erwartungsvolle Stille trat ein. Dann öffnete sich die Tür der Sakristei, und die Solisten, angeführt von Sigrid Greve, betraten den Raum. Was sah sie auch wieder gut aus! Ihre etwas füllige Figur in ein schmales Samtabendkleid gehüllt, mit einer beeindruckenden roten Stola verziert, ein Augenschmaus! Aber auch die Mezzosopranistin, die ebenfalls eine wundervolle Arie zu singen hatte und auch ein Duett mit Sigrid Greve, sah toll aus in ihrem nachtblauen Abendkleid. Voller freudiger Erregung applaudierte Dagmar, dann trat Stille ein.

Sigrid

Sigrid nahm auf ihrem Stuhl vor Chor und Orchester platz, schlug ihre schwarze Mappe mit den Noten auf und warf einen Blick in das Kirchenschiff. Die Kirche war proppevoll und bis auf den letzten Platz besetzt, auf der Empore drängten sich die Leute bis in die letzten Reihen. Kein Wunder, denn wenn Alf Gerschnitt zu seinen Konzerten rief, waren sie fast immer ausverkauft. Normalerweise hätte sie sich darüber gefreut, doch heute überkam sie ein ungutes Gefühl. Sie merkte, wie das Lampenfieber in ihr hochkroch. Eigentlich kein Grund, in Panik zu geraten; diesmal aber war eine undefinierbare und irrationale Angst dabei. Als wollte sie sie abschütteln, lächelte sie dezent in das Publikum.

Der Dirigent stellte sich auf das Podest ans Pult, schlug die Partitur auf und bedeutete dem Chor, aufzustehen. Ein kurzer Moment der Konzentration, dann gab Alf Gerschnitt den Einsatz für den Beginn der Messe. Das Orchester spielte, der Chor fing an zu singen, und nach zwei Minuten erhob sich Sigrid ebenfalls für ihre Soloeinlage im Kyrie. Obwohl auch diese Passage keineswegs leicht zu singen war, musste sie doch einmal vom tiefen a gleich zwei Oktaven hoch zum a“ springen (typisch Mozart), sah sie es als willkommenes Einsingen. Aber sie merkte, wie ihr unter dem Abendkleid die Knie zitterten, wie sie sich schwach und kraftlos fühlte und überhaupt nicht in der Lage, ihre Musikalität voll auszuleben. Egal, sie war schließlich Profi. So bewältigte sie ihre Passage in gewohnter Qualität, was ihr wieder Mut machte.

Auch das Duett mit der Mezzosopranistin und das Terzett mit dem Tenor verliefen reibungslos, doch sie fühlte sich trotzdem immer unwohler. Sie hätte gestern Abend auf den Wein verzichten sollen, denn nach dem Terzett spürte sie einen deutlichen Kloß im Hals, und der Mund wurde immer trockener. Das Terzett war anstrengend, aber bis zu ihrer Arie im Credo hatte sie eine längere Zeit zum Pausieren. Doch ihre Angst vor der großen Arie wuchs. Was, wenn nun das hohe C wegblieb? Nicht auszudenken! Sie kratzte ihren letzten Rest Contenance zusammen und ertrug stoisch die sich ins Endlose ziehende Zeit. Sie versuchte sich abzulenken, in dem sie das Publikum beobachtete. Die Leute lauschten gerade andächtig und ergriffen den Chorklängen. Fast neidisch dachte sie daran, wie entspannt jeder dort einfach nur der schönen Musik lauschen konnte. Der Chor war wirklich gut, und Alf gab am Dirigentenpult wieder alles. Sie sah, wie ihm bei seinen großen Bewegungen die Schweißperlen von der Stirn spritzten. Ihr dagegen war eher kalt als warm, und sie zitterte unmerklich.

Doch endlich war der große Moment gekommen. Die letzten Klänge des Credos verhallten. Nun intonierten die Streicher, Querflöte, Oboe und Fagott ihre Arie, und die Sekunden verstrichen immer langsamer bis zu ihrem Einsatz. Dann begann sie endlich zu singen: „Et incarnatus est… de Spiritu Sancto…“ soweit so gut. Nun die Läufe, am Ende ein lang ausgehaltenes hohes g, kostete viel Kraft… uff, geschafft! Die Phrase zuende gebracht, prima. Nun die Wiederholung mit dem hohen C… das c kam. Auch das h danach. Super, die nächsten Läufe, geschafft, das zweite hohe C, auch geschafft! Nun nur noch die Kadenz. Sie fing an zu singen und… was war das? Was spielte die Oboe denn da? Da bemerkte sie ihren Fehler: Einen ganzen Takt zu früh eingesetzt! Wie konnte das passieren? Um so fataler, als dass sie nur einen Ton über der Oboe sang, was eine krasse Dissonanz zur Folge hatte. Sofort brach sie ab, wollte die Oboe ihren Lauf zuende spielen lassen, um dann richtig einzusetzen, doch die war jetzt auch irritiert und hörte auf zu spielen, so dass die ganze Phrase durcheinander geriet. Was für eine Peinlichkeit! So etwas ist ihr an dieser Stelle doch noch nie passiert!

Irgendwie berappelten sich aber alle, kamen wieder zusammen und führten die Arie ordentlich zuende. Für Sigrid jedoch brach in diesem Augenblick die Welt zusammen. Sie sah zu Alf hinüber, der sie böse funkelnd ansah. Ja, sie meinte sogar ein dämonisches Glimmen in seinen Augen zu erkennen, ein feiner Speichelfaden rann aus seinem Mundwinkel herab. Der Oboist blickte finster über seinen Brillenrand, auch die Flötistin war deutlich not amused und blies einen dicken Kondenswassertropfen aus ihrem Instrument, der dumpf auf den Holzboden klatschte. Überhaupt schien das ganze Orchester sie gerade mit kalter Verachtung zu bedenken. Sie sah kurz hinter sich zu den Chorleuten, die sie blass und entsetzt anstarrten. Erschrocken sah sie zu ihren Solistenkollegen, die sie mit weit aufgerissenen Augen und Mündern starr anglotzten. Vor Entsetzen sah sie nun ins Publikum, das nicht mehr andächtig und entspannt aussah, sondern wie ein Lynchmob, kurz davor, über sie her zu fallen. Bei einigen meinte sie sogar spitze Zähne unter einem hämischen Grinsen hervorblitzen zu sehen.

Völlig paralysiert ließ Sigrid das Ende des Konzertes über sich ergehen, sang noch das Quartett im Benedictus mechanisch mit, sie konnte sich hinterher nicht mehr daran erinnern. Applaus brandete auf, ihr kam er vor wie das bedrohliche Heulen eines herannahenden Orkans, aus dem Hohngelächter ertönte. Blumen wurden übergeben; sie rochen übel. Automatisch nahm sie sie in den Arm und verbeugte sich starr wie eine Marionette lächelnd nach Alfs Anweisungen. Dann stürzte sie aus der Kirche ins Gemeindehaus, zog sich hektisch um, rannte zu ihrem Auto ohne auch noch irgend jemandem in die Augen zu sehen, warf ihre Tasche, die Tüte und den Blumenstrauß auf die hintere Sitzbank und sich selbst auf den Fahrersitz hinter das Steuer.

Nebel hatte sich gebildet. Sie musste vorsichtig fahren, es war glatt und dazu noch schlechte Sicht. Zum vorsichtigen Fahren hatte sie jedoch keinen Nerv mehr. Hektisch ließ sie den Motor des Toyota an, setzte abrupt zurück, fuhr reifenquietschend über den Kirchhof, beschleunigte und fuhr auf die Landstraße in den Novembernebel hinein.

Die Landstraße war kurvenreich und leicht abschüssig. Immer wieder musste sie ihr Tempo reduzieren, um zu sehen, in welche Richtung die nächste Kurve ging, links oder rechts. Trotzdem wurde sie immer schneller, immer verzweifelter. Nie wieder würde sie Alf nach so einem Fauxpas engagieren, sie hatte sich blamiert bis auf die Knochen! Ihre Sängerkarriere war zuende. Was sollte das also alles noch?

Den Fuß fest auf das Gaspedal gedrückt, nahm sie noch in Sekundenbruchteilen den mächtigen Stamm einer Eiche im Scheinwerferlicht wahr, bevor der Toyota ungebremst mit 100 kmh frontal gegen ihn krachte; die Scheinwerfer erloschen in einem Augenblick. Genau wie Sigrids Leben.

Dagmar

Beglückt spazierte Dagmar durch den tropfenden Novembernebel, der sie weiß umhüllte wie ein Wattebausch, zu ihrer kleinen Wohnung zurück. Was war das wieder für ein schönes Konzert! Alf Gerschnitt, so engagiert. Der Chor, große Klasse! Das Orchester, alle Solisten waren klasse, besonders aber wieder Sigrid Greve, die eine so schöne und leichte Höhe hatte, die einfach faszinierend war. Ihre Nachbarin hatte ihr zugeraunt, dass in ihrer Arie irgendwas schief gelaufen sei, aber das hatte Dagmar gar nicht bemerkt und tat dem Gesamteindruck ihres musikalischen Erlebnisses überhaupt keinen Abbruch.

Ein warmes und entspannendes Bad schloss ihren erfüllten Sonntag ab.